Mein Deutsch-Aufsatz aus der Berufsmaturitätsprüfung 2010.
Soforthilfe oder Zukunftsorientierte Hilfe?
Wenn von Welthunger die Rede ist, kommt man auch an einem verwandten Themenbereich nicht vorbei: den Hilfemassnahmen. Man möchte meinen, dass die Bevölkerung nach Ereignissen wie dem Tsunami 2004 und dem Haiti-Erdbeben vor kurzer Zeit sehr für Hilfe und Notbekämpfung sensibilisiert ist. Doch kaum fällt man in den Alltagstrott zurück und kaum holt einen die Wirtschaftskrise ein, sind die guten Vorsätze vergessen und es wird wieder auf Kosten anderer gespart. Dies wirft die Frage auf: hilft so eine Soforthilfe-Mentalität wirklich? Oder sollte man anstatt der Soforthilfe voll auf zukunftsorientierte Entwicklungshilfe setzen?
Es gibt vieles, was dafür und dagegen spricht. Was man jedoch nicht ignorieren darf: Die bedürftigen Menschen haben jetzt Hunger, eine neue Schule hilft ihnen auch nicht, kurzfristig zu überleben. Wenn eine Umweltkatastrophe wie in Haiti geschieht, muss ohne zu zögern gehandelt werden, um den Menschen noch helfen zu können.
Einen – zugegebenermassen recht makaberen – Vorteil hat die Katastrophe aber: die westliche Bevölkerung wird durch solche Ereignisse aufgerüttelt greift viel eher in den Geldbeutel. Durch das schon mehrfach erwähnte Erdbeben in Haiti wurden in der Schweiz Spendengelder in Rekordhöhe gesammelt. Und mit dem Geld kann sehr schnell sehr effektiv geholfen werden: Mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und sonstigen Hilfsgütern. Dies hat vermutlich die Ursache, dass Menschen durch die Berichterstattung emotional bewegt werden und den Effekt der Spenden, im Gegensatz zur Unterstützung von Bildung, sofort beobachten können.
Die Frage „Soforthilfe oder langfristige Hilfe“ führt aber auch in einen Gewissenskonflikt, da beispielsweise in Bildung investiertes Geld kurzfristig anderweitig eingesetzt viel mehr Leid und Not verhindern könnte. Soll man jetzt verhungernden Eltern helfen oder deren Kinder unterrichten?
Es kommt ganz auf die Betrachtungsweise an. Einerseits wird zwar Not gelindert, andererseits können sich die Betroffenen dadurch nie aus ihrem Teufelskreis der Armut befreien, im Gegenteil: Sie werden sogar vom Westen abhängig. Durch “Hilfe zur Selbsthilfe” kann viel zukunftsorientierter vorgegangen werden. Wer das Angeln erlernt, dem ist mehr geholfen as dem, der nur einen Fisch erhält. Er kann sich ab sofort unabhängig von Dritten selber ernähren. Zudem ist ein selber erarbeiteter Besitz in vielen Kulturen viel mehr wert als ein Geschenk.
Auf diesem Weg bewegen sich auch viele neuartige Fördermassnahmen, wie beispielsweise die Organisation Kiva mit ihrem Kleinkredit-System. Privatleute vergeben über eine Website Kleinkredite an Personen in Drittweltländern, welche diese dann beim Starten ihres eigenen Gewerbes unterstützen. So wird in die Zukunft investiert und gleichzeitig das Potential der Drittweltbevölkerung genutzt. Die Leute helfen sich selbst. Kiva hat sich bewährt und kann den Weg zu neuen Fördermassnahmen weisen.
Was aber für eine positive Entwicklung eines Landes unabdingbar ist, ist die Bildung. In der Schule lernen die Kinder die Grundlagen für ihr Leben. Eigenes Denken wird vermittelt und gefördert. René Descartes traf mit seinem Zitat “Ich denke, also bin ich” den Nagel auf den Kopf. Nur wer selbstständig denken lernt, wird unabhängig. Eigenes Denken und Bildung sind Voraussetzung für eine positive Zukunftsperspektive.
Zugegeben – man kann die beiden Standpunkte nicht ganz gegeneinander ausspielen. Weder “nur Selbsthilfe” noch “ausschliesslich zukunftsorientierte Hilfe” kann die bestehenden Probleme lösen. Beide Angehensweisen bieten Vor- wie auch Nachteile. Deshalb wird die beste Lösung wohl ein Kompromiss der beiden bleiben. Die Zukunft ist wichtig, aber auch die Zukunft ist in der Gegenwart verwurzelt. Das Wichtigste ist, dass geholfen wird. Und wenn diese Hilfe auch in zehn Jahren noch Wirkung zeigt – umso besser.