So, jetzt bin ich fertig mit meiner Lehre als Informatiker, fehlt nur noch die Abschlussfeier
Nun könnte man doch eigentlich zurückschauen auf eine erfolgreiche Ausbildung durch das Bildungswesen des Kantons Bern?
Leider verlief nicht alles so gut. Insbesonders bei der Organisation gab/gib(b)t es leider sehr grosse Probleme.
Zur Ausgangslage: Ich habe in Langenthal an der bfsl (ex-gibla) die Berufsschule besucht. Die Informatiker im Kanton Bern sind auf drei Schulen verteilt: Die gibb in Bern, die bfsl in Langenthal, und die gibt in Thun. Viele Dinge, wie auch das Prüfungswesen, werden zentral von Bern aus geregelt. Auch viele Lehrmittel kommen von Bern (jedenfalls wurde das in Langenthal so gehandhabt).
Lehrplan
Grundsätzlich sind die Lehrpläne in allen drei Berufsschulen abgeglichen, so dass alle Auszubildende im Kanton Bern den selben Stoff lernen sollten. Dies jedenfalls in der Theorie. In der Praxis kam es immer wieder vor, dass ein Lehrer ein anderes oder ein eigenes Lehrmittel verwendet hat und dass sich dadurch der Lernstoff gegenüber den Bernern unterschieden hat. Da die Modulprüfungen aber meistens auch aus Bern kommen, kann dies Probleme verursachen (bzw. hat es auch).
Die Auswahl der unterrichteten Module ist zudem etwas fragwürdig. Der einzige Unterschied zwischen Systemtechniker und Generalist besteht in Langenthal darin, dass der Generalist ein Java Modul besucht, während der Systemtechniker ein PHP- und ein Netzwerkmodul hat.
Die Unterschiede zwischen einigen der unterrichteten Module sind auch nicht gerade überwältigend. Beispielsweise wurde in vier verschiedenen Modulen (123 – Serverdienste in Betrieb nehmen, 129 – LAN-Komponenten in Betrieb nehmen, 145 – Netzwerk betreiben und erweitern, 159 – Directoryservices konfigurieren und in Betrieb nehmen) die Installation und Konfiguration von Active Directory behandelt.
Zudem entsprechen einige Module nicht dem Wissensstand der Lehrlinge im jeweiligen Lehrjahr. Das Modul 146 – Internetanbindung für ein Unternehmen realisieren wird beispielsweise im dritten Lehrjahr unterrichtet. Aber jeder der Lehrlinge hat bis dahin sicher mindestens einmal einen ADSL-Anschluss evaluiert und eingerichtet, vermutlich sogar noch vor der Berufslehre. Es fragt sich, ob man den ganzen Modulplan nicht irgendwie optimieren könnte…
Fachrichtungen
Für die Informatikausbildung gibt es vier Schwerpunkte: Applikationsentwicklung, Systemtechnik, Generalist und Support. Soviel ich weiss, wird der Support-Schwerpunkt im Kanton Bern nicht angeboten (ich kann mich aber auch täuschen).
Die ersten drei Schwerpunkte wurden bis vor kurzem an allen drei berner Berufsschulen angeboten. Irgendwann im Jahr 2008/2009 entschied sich Langenthal jedoch (vermutlich aus personellen Gründen), den Schwerpunkt Applikationsentwicklung vom Lehrplan zu streichen. Zu diesem Thema kursierten einige Zeit lang Gerüchte, es wurde jedoch nie konkret informiert. Ich persönlich hatte bei Lehrbeginn den Schwerpunkt Applikationsentwicklung gewählt und ging zunächst auch davon aus, dass ich die Berufsschule mit diesem Schwerpunkt abschliessen kann. Gegen Ende des dritten Lehrjahres erhielten wir aber ein Dokument, auf welchem wir uns entweder für Systemtechniker oder Generalist entscheiden mussten. Auf dem Blatt wurden wir auch darüber orientiert, dass Langenthal keine Applikationsentwickler mehr ausbildet und das Personen die dies trotzdem tun möchten nach Bern wechseln müssen.
Ich habe daraufhin mal nachgefragt ob ich – falls ich mich trotzdem für Applikationsentwicklung entscheiden würde – jetzt definitiv mein 4. Lehrjahr in Bern abschliessen müsste. Die Antwort darauf war kurz und prägnant: “Der Zug ist abgefahren, dafür hätten Sie sich nach dem 2. Lehrjahr melden müssen”. Na danke – das ist leider nur schwer möglich wenn man überhaupt nicht informiert ist.
Prüfungswesen
Zum Prüfungswesen gibt es auch einige Punkte zu bemängeln. Da die Modulprüfungen wie bereits zuvor erwähnt auch in Langenthal aus Bern kommen, wollten sich die Lehrpersonen meist davon überzeugen, dass auch der gelehrte Schulstoff geprüft wird und nicht plötzlich Dinge darin vorkommen die nur von der Berufsschule Bern gelehrt wurde.
Dies finde ich sehr zuvorkommend von den Lehrpersonen, jedoch geht das nicht besonders gut wenn diese die Prüfungen teilweise nicht oder extrem spät zu Gesicht kriegen. In einem konkreten Fall waren die Prüfungen bis zwei Wochen vor dem Prüfungstermin laut Aussage der bfsl gar noch nicht existent. Und auch danach benötigte es mehrfaches Nachfragen seitens des Lehrers, bis er endlich Einsicht in die Prüfungen erhielt. Der Informationsfluss ist hier anscheinend sehr mangelhaft.
Das Problem sind jedoch nicht nur spät erstellte Prüfungen – leider haben wir auch erschreckend oft Fehler (Tippfehler, Rechtschreibfehler, merkwürdige Satzstellung, inhaltliche/fachliche Fehler) in den VALIDIERTEN Prüfungen gefunden. Und es waren keine Einzelfälle, sondern ist mehrfach vorgekommen. Bleibt nur noch, zu hinterfragen, wie gründlich denn diese Prüfungen validiert werden. Sowas ist in meinen Augen nicht akzeptabel. Mehr dazu noch beim folgenden Punkt:
Beschwerdeverfahren
Es ist normal, dass es manchmal Lehrlinge gibt, die unzufrieden mit den Prüfungen sind. Für diesen Fall wurde während der ÜKs (Überbetriebliche Kurse) jeweils informiert, dass man, um Einsicht in die Prüfungen zu erhalten, einen Rekurs einlegen muss. Auch auf den Zeugnissen ist jeweils eine Adresse angegeben, an welche man innert 30 Tagen allfällige Beschwerden richten kann.
Im zweiten Lehrjahr, als das Datenbank-Modul 104 getestet wurde, erwarteten alle eine Prüfung über die Grundlagen einer Datenbank mit Schwerpunkt MySQL, da in Langenthal während des gesamten Unterrichts mit MySQL gearbeitet wurde. Das eingesetzte Lehrmittel bezog sich ebenfalls auf MySQL. In Bern wurde aber allem Anschein nach MS Access verwendet. Die Prüfung, welche von Bern kam, hatte ganz klar den Schwerpunkt Access.
Nach der Prüfung haben sich etliche Schüler per E-Mail bei der verantwortlichen Lehrperson in Langenthal beschwert, da man nicht gleich zu einem Rekurs greifen wollte. Es wurde erklärt, dass man sich der Sache annehmen und sie überprüfen werde. Schlussendlich geschah jedoch nichts.
Ein ähnlicher Fall ist leider im dritten Lehrjahr wiederholt eingetreten – die gesamte Klasse war ziemlich unglücklich mit der Fragestellung der Prüfungsfragen im Gegensatz zu dem gelehrten Stoff. Auch hatten einige Schüler unserer Klasse Zweifel an der korrekten Bewertung der Prüfung.
Deshalb habe ich aufgrund der vorherigen Erfahrungen mit Beschwerden in Langenthal im Namen der Klasse eine mehrseitige Prüfungsbeschwerde an die Erziehungsdirektion des Kanton Berns gesandt, in welcher ich die Kritikpunkte dargestellt habe und um eine Prüfungseinsicht gebeten habe.
Die Antwort war leider nicht was ich erwartet hatte. Erstens wurden die fehlenden Unterschriften der Klassenkollegen bemängelt. Das kann ich akzeptieren, leider hätte ich aber ohnehin nicht alle Unterschriften einholen können, da Ferienzeit war und die Beschwerdefrist sehr knapp bemessen wurde. Desweiteren wurde ich informiert dass bei einer erneuten, von allen Klassenmitgliedern unterschriebenen Einsendung ein mehrmonatiges Beschwerdeverfahren eingeleitet wird, welches bei Misserfolg unsererseits mehrere Hundert bis Tausend Franken kostet. Dabei habe ich doch nur um Einsicht in die Prüfungen gebeten.
Unsere Berufsschule hat eine Kopie des Antwortbriefes erhalten und dadurch etwas von der Problematik mitgekriegt. Daraufhin hat sich eine Lehrperson aus dem nicht-Informatikbereich an uns gewandt und hat erklärt, dass es keinen Rekurs gebraucht hätte, sondern dass man die Prüfungen bei Beschwerden auch in Langenthal einsehen könne. Schade, dass uns das früher niemand gesagt hat. Und schade, dass das letzte Mal als wir es so gemacht hatten, niemand reagiert hatte.
Wir konnten also einige Tage oder Wochen später tatsächlich zu dritt vereinzelte Prüfungen sowie den Lösungsschlüssel betrachten. Dabei haben wir in der Korrektur bzw im Lösungsschlüssel zwei offensichtliche Fehler gefunden, welche 1.5 Punkte ausmachen. Dazu kam ein weiterer halber Punkt, über welchen man sich streiten könnte. Dies gibt schon 2 Punkte weniger pro Schüler – diese zwei Punkte könnten bei einigen Leuten einen Unterschied in der Prüfungsnote und somit auch im Leistungsnachweis ausmachen. Im schlimmsten Fall wird die Lehre dadurch nicht bestanden.
Die Lehrperson hat diese Resultate freundlicherweise an die zuständigen Personen weitergeleitet. Doch – wer hätte es gedacht – weder wir noch die Lehrperson haben daraufhin noch etwas von diese Sache gehört. Dies scheint eine gängige Praxis zu sein: Im Sande verlaufen lassen, Problem gelöst.
Und um es nochmal zu erwähnen: Dies waren Prüfungen, die von einer Prüfungs-Validierungsstelle des Kantons geprüft und für gut befunden wurden!
Informationsfluss
Über den Informationsfluss zwischen den Verantwortlichen in Bern und denen in Langenthal gibt es leider auch kaum Gutes zu berichten. Einige der aufgetretenen Probleme, wie die fehlende Information über den Fachrichtungsentscheid oder das Beschwerdenverfahren, wurden oben bereits erwähnt. Allerdings fehlten die Informationen auch an anderen Stellen. Teilweise wurden die Lehrpersonen nicht genügend informiert, teilweise die Schüler. Über die Anmeldung für den BMS2 Vorkurs beispielsweise, für den man sich bereits Ende des zweiten Lehrjahres anmelden müsste, wurde kein Wort verloren. Auch bei banalen Dingen wie dem Termin für die Bekanntgabe der Prüfungsnoten im letzten Lehrjahr fehlte zunächst jegliche Information. Für einige Schüler können diese Prüfungen über Erfolg oder Misserfolg der gesamten Lehre entscheiden, und da möchte man so rasch wie möglich informiert werden.
Fazit
Es gäbe noch einige weitere Beispiele, aber ich denke es ist bereits genug gesagt worden. Ich hoffe, dass dieser Text dabei helfen kann, das Informatik-Ausbildungswesen im Kanton Bern für die zukünftigen Lehrlinge etwas zu verbessern.
Danilo / INF06 Langenthal

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